Hatte ich nicht neulich diesen Tee bestellt?

Vielleicht sollte ich einfach nicht dran gehen, geht es mir durch den Kopf, als die Kita meiner Kleinsten anruft. Seit vier Tagen ist die Mittlere aus der Quarantäne entlassen und zurück in der Schule, ich halbwegs zurück in meiner Homeoffice Routine, und schon steht da „Kita“ auf dem Display meines Handys. Natürlich gehe ich dran. Natürlich soll ich mein Kind umgehend abholen, Covid-19 in der Gruppe. Und während ich dies aufschreibe, sitzt meine 5-Jährige bereits neben mir, hat mir mein Halstuch um den Kopf gewickelt, lacht und hätte gerne einen Apfel aufgeschnitten.

Vielleicht lasse ich das mit dem Tuch jetzt einfach so, denke ich, statt an die Arbeit, die E-Mails und die Text-Ideen, die ich gern umsetzen würde. Das steht mir und so sieht auch niemand die ungewaschenen Haare. Aber es zeigt sich, dass das Kind kein Befestigungstalent ist und mir das Tuch beim Apfelschneiden über die Augen auf die Schultern rutscht, das Kind lacht, reißt es ansich und fängt an, ihre Kuscheltiere damit einzuwickeln und Kindergartenlieder vor sich hin zu singen. Ich setzte mich wieder an meinen Computer und betrachte die vor meinen Augen tanzenden Buchstaben, die einfach keinen Text ergeben wollen. „Bist du fertig mir Arbeit?“, ruft das Kind. Ich habe Glück, denke ich, dass ich von zu Hause arbeiten kann und mein Kopf dröhnt. Abends bestelle ich mir Entspannungstee und Wohlfühlbadezusatz im Internet, was beides nie ankommt, weil ich meine Haustürklingel abgestellt hatte und die Päckchen ohne Benachrichtigungskarte in der Packstation plötzlich eine Retoure sind. Aber was solls, ich hatte die Bestellung eh bereits vergessen, im Moment vergesse ich permanent irgendetwas, besonders das, was für mich selbst gedacht ist, für meine Arbeit als Autorin, mein Wohlbefinden, mein Ich-Sein. Ich denke an die Zutaten für den Griesbrei, die Nudelsuppe, den Nikolaus, den Adventskalender, die neuen Strumpfhosen in drei Größen, dass die Kinder Lichterketten an Weihnachten als wichtig erachten, die Hausaufgabenbetreuung, das ans Hausaufgaben machen erinnern, ans mit der Teenagerin diskutieren, ans abendliche „Ich kann nicht mehr“ kurz vor dem Einschlafen gegen 20 Uhr, ans Aufstehen um vier um eine Stunde am Tag für mich zu haben und sich vorzunehmen, in 60 Minuten mit dem Kaffee in der Hand im Schlafanzug die eigene Karriere vor der Bedeutungslosigkeit zu bewahren. Oh nein, es ist halb sechs, Zeit zum Schulbroteschmieren, wo sind die Schnelltestsets? Guten Morgen. Warum ist das Kita-Kind, das zu Hause bleiben soll, schon wach?

Manchmal schalte ich den TV ein, es folgen astronomische Inzidenzzahlen und ich glaube, ich entwickle eine Angststörung. Die nächste Meldung zeigt jubelnde Menschenmassen im Fußballstadion, irgendwer hat gewonnen, das nächste Bild ist ein noch recht junger Mensch mit Schläuchen im Hals und verpixeltem Gesicht, „Das letzte ITS-Bett in Beispielsstadt“ und mein Computer macht den Sound einer eingehenden E-Mail. „Wichtig bis morgen“, hatte ich nicht neulich diesen Tee bestellt? Das Kind malt meine Notizen ab und hustet, einmal, zweimal, ich zücke das Schnellteststäbchen und versuche die sorgenvolle Bilderabfolge in meinem Kopf zum hustenden Kind zu ignorieren.

Ich bin besorgt, dass meine Kinder sich in der Schule anstecken, dass sie krank werden, Long-Covid entwickeln, das erste Kind werden, dass auch in Deutschland die Gefährlichkeit der Krankheit für kleine Kinder beweist. Ich bin gestresst und überfordert, weil ich parallel arbeiten soll wie immer, weil ich zusehe, wie die Große wieder Zugänge und Kurseinladungen zu Lernplattformen auf ihrem Tablett einrichtet, weil die Mittlere wieder jeden Tag all ihre Schulbücher hin und herträgt, weil niemand weiß, ob sie morgen wieder in die Schule gehen kann. Ich bin besorgt, weil die Schutzmaßnahmen in der Schule quasi nicht vorhanden sind, viele Kinder sich effektiv gar nicht testen, auch wenn es auf ihren Zetteln steht, weil einige Kinder ganz sicher ungeimpfte Eltern haben, weil in den Klassenräumen bei einem Grad statt Luftfiltern offene Fenster die Viren vertreiben sollen, weil im Hort alle Kinder durcheinander rennen und so direkt alle Kontaktpersonen sind, ganz gleich, was für die Schule gilt. Ich bin gestresst und überfordert, weil ich Igel ausmale, Tu-Wörter aufzähle, Rechenmauern kontrolliere, Französisch Vokabeln abfrage, Verben dekliniere, Zirkel repariere, Äpfel schneide und auch noch eine der Glücklichen sein soll, die ja immerhin parallel von Zuhause aus arbeiten kann und sich nicht krankmelden muss. Wie muss es erst dem Pflegepersonal gehen? Den Erzieher*innen, Lehrer*innen, die zum Beispiel meine Kinder betreuen und nicht nur irgendeine homogene Masse, sondern ebenso wie ich denkende, fühlende, besorgte und sicher auch ängstliche Menschen sind. Wie muss es all den Menschen gehen, die nicht zu Hause bleiben können, weil sie keine Kinderkrankentage, Urlaubstage oder sonsiges mehr haben, weil sie sich nicht trauen, sich krank schreiben zu lassen, aus Angst, den Job zu verlieren? Ich sage mir: Denk an diese Menschen und zwinge mich, nicht zu verzweifeln, immerhin ist die Welt voller Menschen, denen es noch schlechter geht, nicht wahr. Also weiter funktionieren und sich selbst dabei mehr und mehr vergessen, bis auf morgens zwischen vier und halb sechs, da kannst du alles tun! Ich bin müde.

Manchmal schalte ich statt des TVs lieber das Smartphone ein und geh zu Twitter, Facebook, Instagram, kurz, in die Hölle. Ich like das Foto des männlichen Autoren, der grad von einem Aufenthaltsstipendium zum nächsten flaniert, sehe zu, wie er seinen Erfolg feiert, ständig Zusagen zu bekommen, ohne zu reflektieren, dass die Mutter-Autorinnen sich aktuell einfach auf nichts zu bewerben brauchen. Wozu? Wer hat Kraft, die Foren durchzugehen, wer hat Energie, eine Bewerbung zu schreiben und sowieso, Kinder mitnehmen? Nein danke, wir brauchen hier unsere Working-Ruhe. Also freie Bahn für die, deren Bahn schon immer viel freier gewesen ist. Manche ziehen ihre beruflichen Runden, andere ziehen an den unter dem Sofa verklemmten Socken.

Ich zum Beispiel hasse diesen Mann, diesen alleinstehenden Mann, der mir nach dem Lockdown schrieb, wie sehr er die Zeit genossen hat, so viel schöne Zeit für sich, in der er schreiben konnte, sich mal so richtig mit den wertvollen Fragen in seinem Kopf befassen konnte, ohne den nervigen Druck ständig Freunden absagen zu müssen, die ihn zu irgendwas hätten einladen wollen, war ja eh alles zu, man war das schön, heute sprudelt er über vor Veröffentlichungen hier und dort und sonnt sich ausgiebig in seinem hart erarbeiteten Erfolg, ich schneide einen Apfel und gebe mir die größte Mühe Audre Lordes Losung: Mach aus Wut Energie zum Handeln! für mich nutzbar zu machen. „Man ging das schnell“, stellt das Kind fest, als ich mit dem Apfel komme und mein Kopf dröhnt. Und natürlich hasse ich gar nicht diesen Mann, sondern das, was er symbolisiert, denn: schön für Ihn! aber ach.

Manchmal habe ich Herzrasen, wenn sich ein Mann bei seiner Frau, der liebevollen Mutter seiner Kinder, im TV bedankt, ohne die sein Erfolg niemals möglich gewesen wäre, ja, ach, wie romantisch aufopferungsvoll die Frauen doch sind, was hat SIE wohl neben der Aufopferung erreicht bisher?

Manchmal bekomme ich Luftnot, wenn mein Handy klingelt, weil sicher jemand dran ist, der sich Aufopferung wünscht, sie einfordert, unreflektiert davon ausgeht, dass doch eigentlich irgendwie alles ist, wie immer, alles normal, ganz normal, mich betrifft das alles nicht, ich muss halt mein Handy vorzeigen, wenn ich Zigaretten kaufen gehe, was solls, worüber nur beschweren sich bloß alle?

Manchmal träume ich nachts davon, wie ich andere Menschen stundenlang beschimpfe, in langen ausgefeilten Sätzen, mit stichhaltigen Argumenten, Fakten, belegt mit zahlreichen Studienergebnissen, nur eben gebrüllt, doch das Gegenüber leckt einen Laternenpfahl ab, sagt: „auf dem hier wohnen weniger Bakterien als in deinem Mund! Gefährlich ist also vor allem das, was da raus kommt“ und stolziert davon. Freud hätte sein Freude, ich aber bin nur noch müde und voller Angst um mich, meine Kinder, deren Zukunft. Um meinen Job, meine psychische Gesundheit. Und nicht zuletzt um die Gesellschaft, die Demokratie. Nebenbei erreichen mich E-Mails mit immer neuen Verordnungsveränderungen, gültig ab gestern, Benachteiligung für die Benachteiligten inklusive und mein Kind fragt: „Mama, bist du fertig mit Arbeit?“

Wer soll das noch durchhalten? Doch was können die, die nicht mehr können, denn tun? Was folgt aus dem „Ich kann nicht mehr“ anderes als fünf Stunden Schlaf und dem erneuten Aufstehen. Menschen funktionieren, immer weiter. Doch zu welchem Preis? Wozu wird die Zerrissenheit der Mütter führen, die Angst vor Schulschließungen haben, weil damit ihre Berufsschließung verbunden ist, ihrer Selbstständigkeit, die aber gleichzeitig Angst vor einer Ansteckung haben und sich eine Schulschließung wünschen, denn niemand wünscht sich kranke Kinder, auch nicht „nur ein bisschen“, nein gar nicht. Wohin soll die Mischung aus Angst, Erleichterung, Wut, Einsicht und Resignation noch führen, wenn nicht direkt oder indirekt in irgendeine Form von Depression, die dann einsetzt, wenn „Ruhe einkehrt“.

Menschen funktionieren, Menschen machen immer weiter, wenn sie müssen, keinen Ausweg sehen, keine Hilfe bekommen und zwar genau so lange, wie sie müssen, doch das Leben fühlt sich im Moment an, wie die Quarantäne Freilassungsmails des Gesundheitsamts: Die Quarantäne endet heute zu 24 Uhr. Unter bestimmten Bedingungen gilt diese Entlassung nicht! Sie bekommen noch eine E-Mail. Hatte ich nicht neulich so einen Tee bestellt? Ich habe keinen Rat für all die Menschen, die sich in diesem Text wiederfinden können. Ich persönlich empfinde jeden Rat als Zynismus und der ist niemals hilfreich.

3 Gedanken zu “Hatte ich nicht neulich diesen Tee bestellt?

  1. Liebe Sophie,

    so ein kluger und ehrlicher Text! Danke dafür. Ich finde mich in jeder Zeile wieder. Mit „nur“ einem Kind, dass jedoch auf nicht absehbare Zeit daheim ist, weil die KiTa wg. Personalmangel nur Notbetreuung anbieten kann. Ich bin nicht systemrelevant, obschon ich einem Beruf und einer Berufung nachgehe. Und der täglichen Frage: wie lange noch? Wie lange dauert diese Pandemie? Wie lange halte ich noch durch? Mit den tausend Gedanken und auch Ängsten. Mit den To-Dos, die nicht aufhören wollen. Die sich mehren, zu- und parallel dem Schlaf die Stunden nehmen.
    Nein, einen Rat hätte ich auch nicht. Aber Hoffnung. Das es besser wird. Denn das wird es.

    Ich fühle mit dir!

    Mandy

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