Mykhaylo Palinchak – Der Kriegsfotograf

Mykhaylo Palinchak ist Fotograf und Mitglied im PEN Ukraine. Er hat zu Beginn des russischen Angriffskrieges sofort gespürt, handeln zu müssen und war einer der ersten Fotografen an zahlreichen Orten des Krieges. Von ihm stammen einige der ikonischsten Fotografien aus den ersten Kriegstagen und auch die Bilder, die um die Welt gingen: Die Yablunska Straße in Butcha, gesäumt von Leichen.

Im Rahmen einer Reise nach Kiew konnte ich mit Mykhaylo im vergangenen Oktober sprechen. Das Foto links entstand nach dem Interview durch Valentyna Naumenko. Für dieses Interview habe ich mich entschieden, die entsprechenden Fotografien aus Butcha nicht einzufügen. Wo Sie sie finden, lesen Sie am Ende des Artikels. Vielen Dank an den PEN Ukraine, für die Organisation und Einladung nach Kiew.

Sophie: Wir sehen hier einige der bekanntesten Fotografien aus den ersten Kriegstagen in Kiew.

Mykhaylo Palinchak: Genau. Dieses Foto hier hat sich zum Beispiel in der Ukraine und im Ausland weit verbreitet. Wir sehen ein Paar im Luftschutzbunker. Sie waren dort unten, so wie ich, um sich vor den Luftangriffen zu schützen und haben Selfies macht.

Es war eine merkwürdige Szene für mich, also habe ich dieses Foto gemacht, es entstand am 27. Februar 2022, kurz nach den ersten Luftangriffen auf Kiew. Ich saß dort unten mit ihnen und schoss dieses Foto und sie erzählten mir, dass sie am Morgen des 24. Februar geheiratet hatten. Nach diesem Tag im Bunker sind beide der Armee beigetreten, um für ihre Stadt zu kämpfen, statt Flitterwochen, sagten sie zu mir. 

Sophie: Haben Sie die beiden nach diesem ersten Tag nochmal wiedergesehen?

Mykhaylo Palinchak: Ja, ich habe sie tatsächlich vor drei Tagen gesehen. Leider war das auf der Beerdigung eines gemeinsamen Freundes, der beim Militär war. Sie sind also am Leben und noch immer verheiratet. Aber sie sind auch nicht an der Front.

Sophie: Das ist aber nicht immer so, dass die Menschen, die Sie an diesem ersten Tag getroffen haben, auch heute noch am Leben sind.

Mykhaylo Palinchak: Wissen Sie, das kann ich natürlich nicht immer wissen. Aber schauen Sie sich dieses Foto an. Es war eine zufällige Aufnahme. Eine russische Rakete hatte ein ziviles Haus in der Libanon Avenue getroffen. Ich kam mit meiner Kameraausrüstung dorthin, aber es war uns verboten, die Polizeilinie zu überqueren. Aber dann sah ich diesen Kerl im Sportdress, mit Helm, aber ohne Uniform und mit einer Waffe über der Schulter. Er trug eine Katze und einen Fisch in diesem absurden Glas bei sich und schien nur weg zu wollen. Leider habe ich mit ihm nicht sprechen können. Ich habe nur dieses Bild gemacht und auch das ging um die Welt. Aber, ein Jahr später schrieb mir jemand, dass sie diesen Mann gefunden haben, und dass er gestorben ist. Das ist alles so tragisch.

Sophie: Sie waren selbst auch an der Front?

Mykhaylo Palinchak: Nein, an der Front nicht. Ich war fast den ganzen Februar und bis Ende März mit einem Kampf-Batallion unterwegs. Ich war jeden Tag bei ihnen und manchmal habe ich sogar mit ihnen in ihrem Bunker geschlafen. Wissen Sie, die meisten der Soldaten waren einfache Kerle, die ein ziviles Leben geführt haben und quasi vor meinen Augen erst zum Soldaten geworden sind, mit ihren Maschinengewehren. Niemand hat sich das ausgesucht. Sie mussten kämpfen, sie wollten kämpfen, um die Ukraine zu verteidigen. Und ich war bei ihnen.

Und ich erinnere mich an diese Sandsäcke überall. Die Sandsäcke fingen im März an, grün zu werden, weil etwas in ihnen zu wachsen begann. Man hatte, um sie zu füllen, einfach die Erde mit allem, was darin war, in die Säcke gefüllt. Das war wie Gärten. Wissen Sie, diese Säcke sind sehr symbolisch für uns. Damit haben wir auf dem Maidan angefangen, Barrikaden zu bauen, im Winter. Und ich erinnere mich, dass die ersten Barrikaden nicht aus Sandsäcken, sondern aus Säcken mit Schnee gebaut wurden. Und als die Sonne kam, begann sie zu schmelzen. Ja, genau. Wir waren also erfahren. Und wir wissen, wie man Barrikaden aus dem Nichts erbaut.

Ich habe jedenfalls versucht, als Pressefotograf so viele Momente wie möglich festzuhalten.

Wie die Evakuierung von Zivilisten aus Irpin, kurz vor Kiew. Es gab keine Route mehr für sie. Die Leute sollten ihre Autos auf einer Brücke stehen lassen und die Brücke zu Fuß überqueren, weil die Brücke gesprengt worden ist. Aber die Menschen, sie waren mit allem unterwegs, was sie hatten und mussten das nun zurücklassen. Es war erstaunlich zu sehen, wie Pressejournalisten aufhörten zu fotografieren und stattdessen den Zivilisten halfen, über die gesprengte Brücke zu gehen, mit ihren Katzen und Hunden. Es gibt ein sehr berühmtes Bild von einer Frau mit 20 Hunden. Die wollte sie einfach nicht zurücklassen. Heute ist sie  bereits zurückgekehrt nach Irpin. Sie hat einen Schutzraum eingerichtet in ihrem Keller und lebt wieder dort. Die Brücke ist immer noch zerstört, es führt jetzt eine Straße in einem Bogen um sie herum. 

Sophie: Und weil Sie das Batallion begleitet haben, waren Sie meistens einer der ersten an den betroffenen Orten?

Mykhaylo Palinchak: Ja, oft. Und das führte dazu, dass ich in meiner Erfahrung das erste Mal ein Zeuge werden sollte. In Kiew, als ein ziviles Haus getroffen worden ist. Ich war der erste Journalist, der dorthin kam. Ich sah mit meinen eigenen Augen, wie die Rakete auf die Straße fiel. Ich kam dorthin, und die Sanitäter versuchten, das Leben dieser Person auf dem Foto zu retten, aber leider war er schon tot. Ich fühlte in diesem Moment so sehr meine Verantwortung als Fotograf, alles zu dokumentieren. Die Grausamkeiten, die Zerstörung, den Tod. Was kann man als Künstler anderes tun, in solchen historischen Momenten, als zu versuchen, so genau und direkt wie möglich jeden Moment, von dem man Zeuge wird, festzuhalten. In einer solchen Situation muss jeder tun, was er am besten kann, um zu helfen. Und ich wusste, es ist wichtig, die Bilder des Krieges so weit wie möglich zu verbreiten, vor allem, wenn es um Kriegsverbrechen geht. Wir Fotografen und auch Journalisten und Autoren, wir müssen den Statistiken, den Zahlen, Namen und Gesichter geben. Es sind Menschen, die sterben, keine Nummern. Das sollen meine Bilder zeigen. 

Es ist auch sehr wichtig für die betroffenen Personen, über ihre Erlebnisse sprechen zu können. Die Chance zu bekommen, ihre Geschichten einem Journalisten zu erzählen. Vielleicht war ich oft genug die erste Person, die ihnen zuhören konnte? Das habe ich auch immer wieder gemacht, auch ohne ein Foto von den Menschen zu machen. Aber ich bin kein Journalist, kein Autor. Ich bin Fotograf und komme an die Orte, um meine Bilder das Elend beschreiben zu lassen und so Geschichten zu erzählen.

Sophie: So wie in Butcha?

Mykhaylo Palinchak: Auch dort war ich der erste Fotograf. Sie kennen die Fotos, diese Straße? Sie haben diese Bilder alle gesehen? Das sind meine Fotos. Ich habe dort zwischen den Körpern gestanden. Auf der Yablunska Straße. Glauben Sie mir, nichts kann Sie auf solch ein Erlebnis vorbereiten. Wir betraten also Butcha. Es ist unmöglich, sich vorzustellen, dass so etwas passieren könnte. Und dann bist du doch da. Und dann fängst du an, mit denen zu sprechen, die unter der russischen Besatzung gelebt haben. Und sie erzählten dir, wie sie gesehen haben, wie diese Frau nur kurz aus dem Haus ging, weil sie Luftholen wollte, atmen, einen Moment und vor die Tür ging und einfach von einem Scharfschützen erschossen wurde. Ohne jeden Grund. Ohne Warnung. Ihm war einfach nur langweilig und er beschloss, sie zu töten. Und niemandem war es erlaubt, die Toten zu begraben, auf einem Friedhof. Also vergruben sie sie überall in ihren Höfen. Auf einem verlassenen Fußballfeld. Und unter diesem Kreuz liegen drei Unbekannte, die ich nicht kenne. Und dann fanden sie in einem Wald ein riesiges Gräberfeld. Die Menschen sind dort einfach verscharrt worden. Und wir. Wir sind dort hin um den Leuten, die dort einen ganzen Monat lang unter der Besatzung arbeiteten, etwas zu essen zu bringen. Und sie zeigten, dass dies das Gelände ist, auf dem 170 ukrainische Nationalgardisten inhaftiert waren. Und sie selbst. Und als die russischen Truppen abzogen, nahmen sie diese ganze Nationalgarde mit nach Russland. Und sie plünderten auch den Bahnhof. Sie nahmen alles mit, was sie für wertvoll hielten. Alles, sogar die Betten und Matratzen. Die ukrainischen Nationalgardisten sind immer noch im Gefängnis, soweit ich weiß. 5000 von ihnen waren im Gefängnis, aber noch nicht alle sind ausgetauscht und zurückgebracht worden. 

Sophie: Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie diese Bilder sehen?

Mykhaylo Palinchak: Nun, als ich merkte, ich brauche eine Pause, da war ich zuallererst sehr traurig, ja eigentlich schon depressiv. Ich konnte 2 oder 3 Monate lang nicht mehr arbeiten. Es war Sommerzeit. Alles war zurück in Kiew einfach unnatürlich. Blühende Bäume, Bars und Restaurants geöffnet. Und diese Dissonanz, also der Kontrast zu dem, was ich gesehen habe, und dem, was hier vor sich ging. Das war sehr seltsam für mich. Also habe ich für einige Zeit aufgehört zu arbeiten. Ich musste aufhören, es ging nicht mehr.

Und dann, nach dieser Auszeit in Kiew, änderte sich die Art meiner Arbeit völlig. Ich sah meine Aufgabe nichtmehr darin, der erste an den Orten der Zerstörung zu sein. In Kiew war plötzlich alles weit weg. Die Front hat sich mehr oder weniger stabilisiert und es wurde weniger, dass diese Ereignisse direkt um einen herum geschahen. Deshalb fangen viele Journalisten und auch ich an, an Geschichten zu arbeiten. Etwas zu schaffen, dass Menschen zeigt, nachhaltig ist.

Aber leider ist der Krieg eine noch immer laufende Geschichte. Vor allem in mir. Wissen Sie, ich habe das nicht erwartet. Dass ist, als ich nach Butcha kam, vorfinden würde, was ich dann fotografiert habe. Es gab keine Informationen aus den Orten, wir wussten damals gar nichts von dem, was unter der russischen Besatzung dort passiert war. Ich war also völlig unvorbereitet dort hingekommen. Und mit diesem Ausmaß habe ich nicht gerechnet. Damals hatte ich plötzlich durch meine Kamera zwischen mir und den Bildern um mich herum so eine Art Schutzschild mit der Kamera, mit der ich alles durch den Sucher sehen konnte statt direkt darauf schauen zu müssen. Das hilft. Ich glaube, es half mir, eine gewisse Distanz zu haben. Aber dann, zurück in Kiew, war mein Schutzschild plötzlich weg. Und man merkt, dass man keinen Abstand mehr halten kann.

Und ich kehre immer wieder zu diesen Bildern zurück. Ich habe sie gemacht, dann bearbeite ich sie, veröffentliche sie, und dann erscheinen sie in den Medien und jedes Mal, jeden Tag, ein bisschen, traumatisieren sie mich wieder, wenn ich sie sehe. Immer wieder die gleichen Bilder zu sehen, zu sehen, zu sehen.

Aber auf der anderen Seite, wenn die Betrachter diese Bilder sehen, dann lesen sie die Geschichte dahinter, sie können sie lesen. Und das finde ich wichtig. Sehen Sie, meine Aufgabe war es zum Beispiel einmal, diese Bilder nachzuerzählen, denn als ich bei Radio Marathon arbeitete, arbeiteten wir mit dem Fernsehen zusammen. Ich sollte den Radiohörern erklären, was auf den Bildern zu sehen ist, und als die Fotos im Fernsehen auftauchten, war es still, und es ist doch eigentlich unmöglich, dass das Radio still ist. Als die Bilder erschienen, sollte ich also erzählen. Und jetzt ist im Fernsehen ein Bild von den Leichen zu sehen, und ich muss das nacherzählen. Und dann verstehe ich heute, dass ich doch eine Distanz zum Erlebten entwickelt habe, weil ich das ansehe, aber in Worte umsetzen kann, ich kann heute über die Bilder sprechen. Und so stelle ich immer mehr Distanz zu ihnen her. Aber Sie, da bin ich mir sicher, haben diese Distanz noch nicht, wenn sie die Bilder betrachten. Also suchen Sie nach den Geschichten zu den Bildern, sprechen Sie aus, was Sie sehen, um den Krieg verstehen zu können, das hilft, ihn auszuhalten.

Vielen Dank.

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